Mittlerweile ist bei Musik-Streaming-Diensten das Merkmal 24 Bit und Highres zu einem angeblichen Qualitätsmerkmal geworden. Aber was steckt wirklich dahinter. Was bedeuten diese Zahlen. Und habe ich als Konsument davon einen Vorteil.
Die Antwort, Achtung Spoiler. Nein. In 99,9 Prozent der Fälle ist es komplett nutzlos. Zusätzlich wird einfach nur sinnlos mehr Bandbreite verschwendet und wenn man spitzfindig sein will, auch unnötig CO2 erzeugt.
Warum und was bedeutet dieses Highres und 24 Bit eigentlich. Auf verschiedenen Streaming-Diensten gibt es verschiedene Angebote. Ich breche das mal auf zwei technische Hauptkriterien runter. Highres ist die Samplerate, bekannt vielleicht noch von der CD mit 44.1 Kilohertz. 24 Bit ist der Dynamikbereich, auch bekannt von der CD mit 16 Bit.
Um diese Begriffe und die dazugehörigen Zahlen in der echten Welt einordnen zu können, braucht es ein wenig Hintergrundwissen. Keine Sorge, das ist einfach zu verstehen.
Highres 44.1 vs 48 vs 96
Highres ist die Detailauflösung, wie bei einem Bild die Megapixel. Im Prinzip, je mehr Pixel, desto höher die Auflösung. Eigentlich eine gute Sache. Und bei immer größeren Displays auch sinnvoll. Allerdings sprechen wir hier ab einer gewissen Anzahl von Megapixeln von Displays, die mehrere Meter hoch und breit sind, um überhaupt einen Mehrwert zu erhalten. Auf kleinen Displays vom Smartphone bis zum privaten TV ist der Unterschied ab einer gewissen Anzahl von Megapixeln real nicht mehr feststellbar. Man würde hier nur für des Kaisers neue Kleider Geld verschwenden, für ein Feature, das man gar nicht wahrnehmen kann.
Bei Highres-Musik ist der Effekt sogar noch extremer. Ein sehr junges und sehr gutes Gehör hat ein theoretisches Potenzial, in einer sehr optimalen Umgebung, Frequenzen von 20 Hertz bis 20.000 Hertz hören zu können. Dieses Potenzial schrumpft mit zunehmendem Alter, so dass man vielleicht irgendwann nur noch bis 10 kHz hören kann.
Nimmt man jetzt von der CD bekannten 44.100 Hertz, wirkt das schon als komplett überdimensioniert. Allerdings muss dazu gesagt werden, dass hier aufgrund der digitalen Umwandlung immer die doppelte Frequenz genommen werden muss, um 22.050 Hertz abzubilden. Hintergrund ist das Nyquist-Shannon-Abtasttheorem.
Aber mit 22.050 Hertz sind wir immer noch weit über dem theoretisch möglichen 20 bis 20.000 Hertz Bereich, den ein Mensch hören kann. Alles darüber ist Fledermausmusik, also Ultraschall.
Mehr als 44.1 kHz bringt hier für die Konsumenten rein gar nichts. Vergleichsweise kann man seinen Wocheneinkauf zwar mit einem Flugzeugträger mit 96 kHz machen, aber man hat keinen Vorteil, wenn man stattdessen das leichtere Auto mit 44.1 kHz nimmt. Und man hat auch weniger Parkprobleme mit einem Auto.
24 Bit
Die beworbenen 24 Bit geben einen Dynamikumfang an. Was heißt Dynamikumfang. Umgangssprachlich, wenn man den Lautstärkeknopf am Abspielgerät auf einer Einstellung belässt, die technischen Lautstärkenunterschiede, die in der abgespielten Musik benutzt werden. Es ist zwar noch ein wenig komplexer, da noch die Lautheit und die gehörrichtige Lautstärke mit reinspielen, aber das würde den Rahmen hier sprengen.
24 Bit haben einen Dynamikumfang von 144 Dezibel. Zum Verständnis sei noch gesagt, dass eine technische Steigerung von plus 6 dB einer Verdoppelung der Lautstärke entspricht. Theoretisch könnte ein Lied bei der Einstellung des Lautstärkeknopfes von selbst die Lautstärke 24-mal verdoppeln. Völlig übertrieben gesagt, wäre es theoretisch möglich, damit einen Konsumenten zu töten, wäre der Lautstärkeknopf auf das Maximum aufgedreht und könnten die Anlage oder der Kopfhörer so eine Lautstärke wiedergeben. Das ist aber in der Wirklichkeit so nicht machbar.
Realistische Beispiele für einen Dynamikumfang gibt es in der Klassik, die wohl zusammen mit Jazz den größten Dynamikumfang vorweist. In extremen Fällen um die 60 bis 70 dB, meist aber eher geringer um die 30 bis 40 dB.
Also bei den 24 Bit und den 144 dB einfach mal so um die 100 dB, also das Meiste komplett ungenutzt. Bei Pop- und Rockmusik oder elektronischer Musik wie Techno wird die Verschwendung noch krasser. Hier schrumpft der Dynamikumfang gerne mal auf 5 bis 15 dB. Treiber hier ist der Loudness War.
Also von den 24 Bit und 144 dB liegen um die 130 dB komplett ungenutzt brach. Der Dynamikumfang der klassischen CDs hatte 16 Bit und damit schon 96 Dezibel. Auf die zuvor genannten Klassik und Jazz mit 70 dB und Pop und elektronischer Musik mit 15 dB haben die 16 Bit und 96 dB immer noch genügend Luft, ohne Abstriche machen zu müssen.
Und auch hier ist nicht nur das menschliche Ohr beziehungsweise das Alter der begrenzende Faktor, sondern auch die Umgebung, in der Musik gehört wird. In den meisten Fällen ist 24 Bit so, als würde man Wasser in Wasserflaschen kaufen, die nur zu 25 Prozent gefüllt sind. Der Rest ist nichts anderes als ungenutzter Platz, gefüllt mit Luft.
Abspielgeräte und Umgebung
Und auch wenn man jetzt sagt, mir sind diese nutzlosen Puffer schon wichtig, sind hier, abgesehen vom Alter und dem Hörvermögen, immer noch nicht die Abspielgeräte und die Abhörumgebung mit eingepreist.
Um diese unglaubliche Qualität von Dynamikumfang und Detailreichtum theoretisch hören zu können, braucht es extrem hochwertige Abspielgeräte. Vom Player über den Verstärker bis hin zu den Lautsprecherboxen. Und zusätzlich die eigene Abhörposition. Kopfhörer sind dann nochmal eine andere Kategorie, die weitere Probleme mit sich bringen.
Und selbst dann unter optimalen Bedingungen würde vermutlich niemand in einem Blindtest den Unterschied einer Produktion in normaler Qualität von einer Highres-Qualität unterscheiden können.
Im Alltag wird Musik über bessere und schlechtere Kopfhörer, Küchenradios oder Bluetooth-Lautsprecher gehört. Oder über noch schlechtere Smartphonelautsprecher. Im letzteren Fall sind schon 16 Bit Perlen vor die Säue.
Formate MP3 und FLAC
Gängige Formate sind MP3 und FLAC. Weitere wichtige Formate sind AAC, Apple Lossless und Opus als Open-Source-Format.
MP3 ist ein verlustbehaftetes Format, das durch psychoakustische Tricks Speicherplatz und Bandbreite spart. Die Einsparung des Speicherplatzes hängt von der sogenannten Bitrate ab. Bekannt sind 128 kBit, 160, 192, 256 bis zu den maximalen 320 kBit. Musik sollte mindestens mit 192 kBit komprimiert werden. Ab da werden auch die meisten Menschen mit ihren Abspielgeräten und in den Umgebungen, in denen sie Musik hören, keinen Unterschied zu höheren Formaten hören können. Zur Sicherheit würde ich persönlich aber dennoch den Puffer auf 320 kBit bevorzugen.
FLAC ist ein verlustfreies komprimiertes Format. Und auch hier gibt es 16 Bit und 24 Bit. Für Konsumenten würde ich immer 16 Bit empfehlen. Alles andere ist nur heiße Luft, die aktuell meist für einen Aufpreis verkauft wird.
Bei den anderen Formaten würde ich persönlich auf Opus als Open-Source-Format und Gegenstück zu MP3 und AAC setzen, da dieses Format die höchste Qualität der verlustbehafteten Formate hat.
Fazit
Für 99,9 Prozent der Menschen, oder sogar noch mehr, ist Highres und 24 Bit ungefähr so, als würde man einem blinden Menschen, der einen HD-Fernseher hat, einen 8K-Fernseher mit zusätzlichem Farbechtheitsfeature anbieten, für ein besseres visuelles Erlebnis.
16 Bit und 44.1 kHz sind in der Realität absolut ausreichend. Sollte man jedoch wirklich einen merklichen Unterschied zu einer 24 Bit und 96 kHz Version hören, dann handelt es sich mit größter Wahrscheinlichkeit um zwei komplette verschiedene Produktionen. Und die schlechtere Produktion würde mit 24 Bit und 96 kHz genauso schlecht klingen. Nur mit mehr ungenutztem Puffer und größerem Speicherplatz- und Bandbreitenbedarf.
Mehr Geld für Highres und 24 Bit ist rausgeschmissenes Geld.
Wer tiefer in das Thema Bit-Tiefe und Dynamikbereich einsteigen will, kann sich im Video meines Musikproduktion-Alter-Egos Odo Sendaidokai das notwendige Grundwissen aneignen.
Download
Die genannten Formate und Werkzeuge sind frei verfügbar.
- FLAC: https://xiph.org/flac/
- Opus: https://opus-codec.org/
- Nyquist-Shannon-Abtasttheorem: https://de.wikipedia.org/wiki/Nyquist-Shannon-Abtasttheorem
- Loudness War: https://en.wikipedia.org/wiki/Loudness_war
