Wie man als Interviewer trainiert, AfD-Vertreter zu entzaubern

1. Grundhaltung: Journalistische Rolle klar definieren

Das Wichtigste zuerst: Ein Interview ist kein Streitgespräch und keine Debatte. Der Interviewer ist nicht der Gegner, sondern der Vertreter des Publikums. Diese Rolle muss trainiert werden – denn AfD-Vertreter versuchen systematisch, Journalisten in eine Mitdiskutanten-Rolle zu drängen (Strategie 8: Gegenfragen).

Training:

  • Rollenspiele, in denen der Interviewer bewusst NICHT auf Gegenfragen eingeht
  • Übung: „Ich stelle die Fragen, Sie antworten" – diesen Satz ruhig und bestimmt sagen
  • Selbstbeobachtung: Wann werde ich zum Diskutanten? Wann verteidige ich mich, statt nachzufragen?

2. Handwerkszeug: Die Entzauberungsstrategien trainieren

2.1 Bei der Sache bleiben (Strategie 1)

Das ist die wichtigste Fähigkeit. AfD-Vertreter springen gerne von Thema zu Thema – von Arbeitslosigkeit zu Sicherheit, von Sicherheit zu Migration, von Migration zu Rente. Wer nicht aufpasst, verliert den Faden.

Training:

  • Interview vorbereiten mit einer klaren Fragenkette: Eine Frage → Antwort → Nachfrage → Antwort → Nachfrage. Nicht loslassen.
  • Übung: „Die fünf Warum" – bei jeder ausweichenden Antwort erneut nachfragen, bis eine konkrete Antwort kommt.
  • Beispiel: Ein AfD-Vertreter wird nach der Arbeitslosenquote 1995 gefragt. Er weicht aus. Besser wäre: „Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Was war an 20 Prozent Arbeitslosigkeit gut?"

2.2 Fakten gegen Emotionen setzen (Strategie 2)

Zahlen sind das schärfste Schwert gegen „Lebensrealität"-Rhetorik. Aber: Die emotionale Ebene muss ernst genommen werden, sonst wirkt der Interviewer kalt und arrogant.

Training:

  • Faktencheck vor jedem Interview: Welche Zahlen sind relevant? Wo widersprechen sie der Behauptung?
  • Übung: Fakten so formulieren, dass sie nicht belehrend wirken: „Sie sagen, die Menschen fühlen sich unsicherer. Die Zahl der erfassten Straftaten hat sich seit 1995 fast halbiert. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?"
  • Wichtig: Nicht selbst in eine Excel-Tabelle verfallen. Die Zahl ist der Einstieg, nicht das Ende.

2.3 Ausweichen markieren (Strategie 3)

Das ist die einfachste und wirksamste Technik. AfD-Vertreter weichen ständig aus. Wenn der Interviewer das benennt, wird es für das Publikum sichtbar.

Training:

  • Standardformulierungen einüben:
    • „Sie haben meine Frage nicht beantwortet."
    • „Ich frage nochmal: [Frage wiederholen]."
    • „Das war jetzt eine Gegenfrage. Ich stelle die Fragen."
    • „Sie weichen aus. Warum?"
  • Übung: Interviewaufzeichnungen analysieren. Wo wurde ausgewichen? Wie hätte man es markieren können?
  • Wichtig: Ruhig und sachlich bleiben. Nicht vorwurfsvoll, sondern feststellend.

2.4 Nicht in Diskussionen verwickeln lassen (Strategie 4)

AfD-Vertreter wollen diskutieren, nicht antworten. Sie wollen den Journalisten als Gegner, um sich als Opfer zu inszenieren. Wer sich verwickeln lässt, spielt ihnen in die Hände.

Training:

  • Rollenspiel: Der Interviewpartner stellt Gegenfragen. Der Interviewer geht NICHT darauf ein, sondern wiederholt seine Frage.
  • Übung: „Danke für die Gegenfrage. Ich stelle die Fragen. Meine Frage war: [Wiederholung]."
  • Selbstkontrolle: Merke ich, wenn ich anfange zu argumentieren? Wenn ja: Stopp. Zurück zur Frage.

2.5 Grundsatzdebatten führen (Strategie 5)

Nicht in Details verlieren, sondern grundsätzliche Fragen stellen. Bei einem AfD-Vertreter wäre das: „Sie wollen den Bevölkerungsstand von 1990. Wie soll das demokratisch funktionieren?" oder „Sie wollen 200.000 Arbeitskräfte durch Geburten ersetzen. Wie soll das in 10 Jahren gehen?"

Training:

  • Fragenkatalog vorbereiten: Was sind die grundsätzlichen Widersprüche im Programm?
  • Übung: Die drei wichtigsten Grundsatzfragen formulieren und im Interview immer wieder darauf zurückkommen.
  • Beispiel: „Sie sagen, Sie wollen weniger Migration. Gleichzeitig fehlen 200.000 Arbeitskräfte. Wie passt das zusammen?"

2.6 Ideologische Einordnung vornehmen (Strategie 6)

Begriffe wie „Remigration", „globalistische Eliten", „deutsche Kultur" sind keine neutralen Wordings, sondern Weltanschauung. Wer sie nur als Sprachstil behandelt, normalisiert sie.

Training:

  • Hintergrundwissen: Was bedeutet „Remigration" wirklich? Was ist die „Neue Rechte"? Was ist der „Große Austausch"?
  • Übung: Begriffe decodieren. „Sie sagen Remigration. Das bedeutet, Menschen mit Migrationsgeschichte sollen das Land verlassen. Ist das korrekt?"
  • Wichtig: Nicht interpretieren, sondern nachfragen: „Was genau meinen Sie damit?"

2.7 Mehr Ressourcen für AfD-Interviews (Strategie 7)

AfD-Interviews sind keine normalen Interviews. Sie erfordern mehr Vorbereitung, mehr Zeit, mehr Personal.

Training:

  • Vorbereitungsteam: Jemand macht Faktencheck, jemand analysiert frühere Interviews, jemand bereitet Fragen vor.
  • Zeit: Mindestens doppelt so viel Vorbereitungszeit wie für andere Interviews.
  • Nachbereitung: Interview auswerten. Was hat funktioniert? Was nicht?

2.8 Historische Parallelen aufzeigen (Strategie 8)

Klemperers „LTI" (Lingua Tertii Imperii) ist eine gute Referenz. Er analysierte, wie NS-Sprache funktionierte: Emotionalisierung, Wiederholung, Feindbilder, Opfermythos.

Training:

  • Lektüre: Victor Klemperer, LTI. Notizbuch eines Philologen.
  • Übung: Aktuelle AfD-Rhetorik mit Klemperers Kategorien analysieren.
  • Im Interview: Nicht direkt NS-Vergleiche ziehen (das ist ein No-Go), aber die Mechanismen erkennen und kontern.

2.9 Medienreflexion (Strategie 9)

Medien haben durch Aufmerksamkeitsökonomie und „Faszination des Bösen" zur Normalisierung beigetragen. Das muss reflektiert werden.

Training:

  • Selbstkritische Frage: Warum interviewen wir diese Person? Weil sie relevant ist? Oder weil sie Quote bringt?
  • Übung: Diskussion im Team: Wie können wir berichten, ohne zu normalisieren?
  • Wichtig: Nicht jede Provokation senden. Nicht jede Lüge unkommentiert lassen.

2.10 Werteebene statt Details (Strategie 10)

Bei Themen wie Ukraine, Verteidigung, Asylrecht geht es nicht um Zahlen, sondern um Werte. Diese Werte müssen vermittelt werden.

Training:

  • Fragen formulieren, die Werte ansprechen: „Sie sagen, wir sollen kein Geld in die Ukraine schicken. Gleichzeitig sagen Sie, Deutschland soll sicher sein. Wie passt das zusammen?"
  • Übung: Wertekonflikte im AfD-Programm identifizieren und im Interview ansprechen.
  • Wichtig: Nicht moralisieren, sondern nachfragen: „Was bedeutet das für die Menschen in der Ukraine?"

3. Konkrete Übungen für den Alltag

3.1 Interview-Analyse

Nimm dir ein Interview mit einem AfD-Vertreter und analysiere:

  • Wo weicht er aus?
  • Wo widerspricht er sich?
  • Wo delegitimiert er Statistiken?
  • Wo stellt er Gegenfragen?
  • Wo hätte der Interviewer nachfragen müssen?

3.2 Rollenspiel

Simuliere das Interview mit einem Kollegen, der den AfD-Vertreter spielt.

  • Der „AfD-Vertreter" wendet alle Strategien an: Ebenenwechsel, Gegenfragen, „Lebensrealität", Selbstverharmlosung.
  • Der Interviewer übt: Bei der Sache bleiben, Ausweichen markieren, nicht verwickeln lassen.
  • Danach: Feedback. Was hat funktioniert? Was nicht?

3.3 Fragenkatalog erstellen

Erstelle für jedes AfD-Interview einen Fragenkatalog mit:

  • 3 Grundsatzfragen
  • 5 Faktenfragen
  • 5 Nachfragen bei Ausweichen
  • 3 Wertefragen

3.4 Faktencheck-Training

Übe, Fakten schnell zu finden und zu formulieren.

  • Wo finde ich Statistiken? (Destatis, BKA, IHK, Leibniz-Institut)
  • Wie formuliere ich sie kurz und verständlich?
  • Wie kontere ich „Das ist theoretisch"?

3.5 Selbstreflexion

Nach jedem Interview:

  • Habe ich meine Rolle als Journalist gewahrt?
  • Habe ich mich verwickeln lassen?
  • Habe ich Ausweichen markiert?
  • Habe ich bei der Sache geblieben?
  • Was mache ich nächstes Mal besser?

4. Die wichtigsten Sätze für den Werkzeugkasten

SituationSatz
Ausweichen„Sie haben meine Frage nicht beantwortet."
Gegenfrage„Ich stelle die Fragen. Meine Frage war: …"
Ebenenwechsel„Das ist ein anderes Thema. Zurück zu meiner Frage."
„Lebensrealität"„Sie sprechen von Gefühlen. Die Zahlen sagen etwas anderes. Wie erklären Sie das?"
Statistik-Delegitimierung„Das ist eine Statistik des Bundeskriminalamtes. Warum sollte die falsch sein?"
Widerspruch„Sie haben gerade X gesagt. Vorhin haben Sie Y gesagt. Was stimmt denn nun?"
Opferinszenierung„Sie sind hier, um Fragen zu beantworten. Das ist keine Opferrolle, das ist ein Interview."
Provokation„Das ist eine starke Behauptung. Können Sie die belegen?"

5. Fazit: Entzauberung ist Handwerk

Entzauberung ist keine Frage von Mut oder Moral, sondern von Handwerk. AfD-Vertreter nutzen berechenbare Strategien. Wer diese Strategien kennt, kann sie kontern.

Die drei wichtigsten Fähigkeiten:

  1. Bei der Sache bleiben – nicht ablenken lassen.
  2. Ausweichen markieren – sichtbar machen, wenn keine Antwort kommt.
  3. Fakten kennen – Zahlen, Daten, Widersprüche.

Das wichtigste Prinzip: Nicht diskutieren, sondern fragen. Nicht moralisieren, sondern nachfragen. Nicht verwickeln lassen, sondern die Rolle wahren.

Und: Übung macht den Meister. Kein Interviewer wird als Entzauberer geboren. Aber jeder kann es lernen – mit Vorbereitung, Rollenspiel und Selbstreflexion.


6. Alle Strategien im Überblick

Kommunikationsstrategien der AfD-Vertreter

  1. Feelgood-Rechtspopulismus: Radikale Agenda in gute Laune, Enthusiasmus und positive Vision verpacken.
  2. Nahbarkeit und Kumpelhaftigkeit: Aktives Zugehen auf Menschen, Fragen stellen, Kosenamen, brohafter/kumpelhafter Stil.
  3. „Lebensrealität" als Kampfbegriff: Subjektive/emotionale Wahrnehmung über objektive Fakten stellen; Statistiken als realitätsfern delegitimieren.
  4. Selbstverharmlosung (nach Kubitschek): Abbau der emotionalen Barriere zum Normalbürger; Whitewashing des völkischen Programms.
  5. Inszenierung als Versöhner/Brückenbauer: Auf Gegendemonstranten zugehen, deren Perspektive anhören (lassen), sich dabei filmen; andere als Spalter darstellen.
  6. Bewegungsästhetik: Professionelle PR-Teams, warme/helle Bildsprache, Simson-Ausfahrten, Inszenierung von Stärke, Aufbruch, Gemeinschaft, ostdeutscher Identität.
  7. Ebenenwechsel: Bei differenzierten Fragen pauschalisieren, bei pauschalen Fragen nach Differenzierung rufen.
  8. Gegenfragen stellen: Fragen nicht beantworten, sondern Gegenfragen stellen, um Journalisten als Fragesteller zu delegitimieren.
  9. Positive Identifikationsfläche: Nicht nur Feindbilder („die da oben"), sondern auch positive Gefühle und Sympathie bedienen.
  10. Emotionale Narrative: „Gute alte heile Welt", „Deutschland aber normal", „Wir holen uns unser Land zurück".

Strategien zur Entzauberung

  1. Bei der Sache bleiben: Nicht von Thema zu Thema springen, sondern hartnäckig nachfragen.
  2. Fakten gegen Emotionen setzen: Zahlen und Statistiken als Gegenpol zur subjektiven Wahrnehmung, aber die emotionale Ebene ernst nehmen und anerkennen.
  3. Ausweichen markieren: Klar benennen, wenn jemand Fragen nicht beantwortet oder Gegenfragen stellt.
  4. Nicht in Diskussionen verwickeln lassen: Journalisten sollen ihre Rolle wahren und nicht zu Mitdiskutanten werden.
  5. Grundsatzdebatten führen: Nicht in Excel-Tabellen-Details verlieren, sondern grundsätzliche Fragen stellen (EU, NATO, Asylrecht – ja oder nein?).
  6. Ideologische Einordnung vornehmen: Begriffe wie „globalistische Eliten", „deutsche Kultur", „Passdeutsche" als Weltanschauung decodieren, nicht als bloße Wordings behandeln.
  7. Mehr Ressourcen für AfD-Interviews: AfD ist keine normale Partei; Interviews erfordern mehr Vorbereitung, Zeit und Personal.
  8. Historische Parallelen aufzeigen: Klemperers Analyse der NS-Sprache als Referenz für aktuelle Rhetorik nutzen.
  9. Medienreflexion: Fragen, ob Medien durch Aufmerksamkeitsökonomie und „Faszination des Bösen" zur Normalisierung beigetragen haben.
  10. Werteebene statt Details: Bei Themen wie Ukraine/Verteidigung grundsätzliche Werte und Komplexität vermitteln, nicht nur Zahlen.